Reisebericht Niger '99

Inhalt:

Wie ich zu der Reise kam
Reiseroute
1. Etappe: Der weite Weg nach Agadez
2. Etappe: Agadez: "Cadeau, Madame!"
3. Etappe: Aïr und Ténéré: "Wind, Sand und Sterne"
4. Etappe: Agadez: "Vote! Vote!"


Wie ich zu der Reise kam

Dieses Mal nicht Libyen, sondern Niger - Traum aller WüstenliebhaberInnen: das schroffe Aïr-Gebirge mit seinen schönen Oasen und die Ténéré mit ihren legendären Salzkarawanen.

Meine Reise in den Niger fand im Rahmen einer Mitgliederreise von PARMED e.V. statt. Ziele der Reise waren die Vertiefung der Kontakte zu unseren nigrischen Vertrauensleuten, die die Projekte vor Ort betreuen, die Besichtigung der Projekte, die Koordination der weiteren Projektarbeit und nicht zuletzt der Versuch, die Arbeits- und Lebensbedingungen der Bevölkerung im Norden des Niger kennenzulernen; das alles eingebettet in eine Jeep-Rundreise durchs Aïr und Teile der Ténéré, ausgehend von Agadez.
Organisator der Reise war Jürgen, Gründer von PARMED und schon mehrere Male mit Hilfsgütertransporten von PARMED vor Ort.

Im Niger laufen z.Z. vier Projekte:

  • Versorgung des Krankenhauses in Agadez mit Medikamenten und medizinischem Gerät
  • Beschaffung eines für Krankentransporte geeigneten Fahrzeugs für das Dispensaire in Iferouâne
  • Finanzierung der Ausbildung von Hebammen und Krankenpflegern für die medizinische Notversorgung in den abgelegenen Gebieten des Aïr-Gebirges sowie die Ausstattung mit Erste-Hilfe-Koffern
  • Nachbetreuung des Brunnenbauprojekts in Teghazer (ca. 15 km nordöstlich von Agadez), wo 22 Tuareg-Flüchtlingsfamilien rücksiedeln


Reiseroute

Tage 1 - 3 Ankunft in Niamey und Fahrt nach Agadez
Tage 4 - 6 Agadez
Tage 7 - 13 Aïr und Ténéré:
  • El Mecki, Timia, Assodé
  • Iferouâne, Brunnen Tezirssek und Tchoum Adegdeg
  • Adrar Chiriet, Kogo, Brunnen Gouloukou
  • Arakaou, Brunnen Agamgam
  • Areshima Sud
  • Arbre du Ténéré
  • Teghazer
  • Tage 14 - 15 Agadez und weg
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    1. Etappe: Der weite Weg nach Agadez

    1. Tag
    Treffen der 12 im Flughafen: Jürgen & Irmgard, Helmut & Conny, Renate, Helmut & Gertrude & Birgit, Peter & der Wolf(ram), Gabi und ich.

    • Abflug München: 11.00h --- Ankunft Paris: 12.00h
    • Abflug Paris: 16.30h --- Zwischenstopp in Ouagadougou --- Ankunft Niamey: 22.15h
    Gerade angekommen, gleich ein Dämpfer: Jürgens Gepäck ist nicht da. Alles weg: Klamotten, Schlafsack, Moskitoschutz, wichtige Unterlagen, jede Menge nützlicher Kleinkram, Geschenke, etc. Aber keine Panik: der nächste Flieger aus Paris bringts mit - vielleicht. Und er kommt bereits nach wenigen Tagen - in scha Allah! Armer Jürgen!
    Die Pass- und Zollformalitäten ziehen sich bis kurz vor Mitternacht hin. Es ist immer noch drückend schwül, was soll das bloß tagsüber werden?
    Nach einigen Rangeleien unter den einheimischen Gepäckträgern fährt uns ein bestellter Minibus den kurzen Weg vom Flughafen ins Hotel "Terminus". Überraschung: Ich bekomme einen Brief von "Absau" zugestellt, der schon zweimal mit Gabi und mir in Libyen war. Er war für drei Wochen mit SUNTOURS im Aïr unterwegs und berichtete von Schlangen am Lagerplatz, der Ursprünglichkeit der hiesigen Tuareg und seinen fortgeschrittenen Kamelreitfertigkeiten. Wohl wissend, dass er uns mit letzterem fast das Herz bricht! Dafür hatte er auf dem Hinflug 17 Stunden Verspätung in Paris (auch mit Aïr Afrique), wenigstens das ist uns erspart geblieben!
    Gleich nach dem Bungalowbezug trifft sich das Dutzend auf der Terassse. Das einheimische Bier "Niger" schmeckt ganz gut (wir haben ihm stets die Treue gehalten). Es ist bereits nach Mitternacht, aber immer noch sehr schwül. Jürgen stellt uns Balal vor, unseren Mittelsmann in Agadez und Organisator der Aïr-Tour. Irgendwie hatte ich einen gesetzten Mann mittleren oder gar reifen Alters erwartet, aber da stand ein junges Bürschchen - Mitte 20 - und grinste in die Runde: "Bonsoir! Ça va?" Na ja, bis auf die Hitze und die Moskito-Attacken ging es uns ja nicht schlecht: "Ça va bien".
    Es war ein langer Tag, und mit der Verabredung zum Frühstück verschwindet einer nach dem anderen gg. 2 Uhr in seinem klimatisierten Bungalow.
    2. Tag
    Niamey - größte Stadt im Land. Geteilt durch den Fluss Niger, der nach einigen Biegungen fast am sagenumwobenen Timbouktou vorbeifließt. Hier ist er ziemlich breit und braun und wenig verheißungsvoll. Den Vormittag verbringen Gabi und ich mit einem Stadtbummel. Wir machen eine Einkaufsliste mit all den Dingen, die wir vor dem Heimflug kaufen wollen (Postkarten, Stoffe, Mitbringsel). Mittags sind wir von der schwülen Hitze total gerädert: Flucht ins Hotel. Den Nachmittag faulenzen wir im gekühlten Zimmer, da das Nationalmuseum montags leider geschlossen hat, und wir für eine nicht-klimatisierte Betätigung keine Kraft mehr haben. Das Museum soll übrigens sehr sehenswert sein! Gemeinsames Abendessen im Hotel und gg. Mitternacht gings in die Betten.
    3. Tag
    Wir brechen frühmorgens zur 16-stündigen
    Fahrt von Niamey nach Agadez auf. Transportmittel: ein Minibus. Innentemperaturen: zwischen 30 und 44°C. Stimmung: erst müde, dann - langsam vor uns hinköchelnd - ungeduldig, dann wieder müde.
    Ankunft im Hotel "Tchin Toulouse" in Agadez gg. 23 Uhr. Gabi und ich entscheiden uns für ein Nachtlager auf der Terasse. Über ein Jahr habe ich ihn vermisst: den Sternenhimmel über Afrika. Leider noch nicht so grandios, weil Agadez ziemlich viel Licht macht (und Lärm!) und der Mond noch fleißig abnehmen muss!

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    2. Etappe: Agadez: "Cadeau, Madame!"

    4. Tag
    Agadez - davon habe ich geträumt! Jetzt ist es erreicht, ich stehe hier, blicke auf die berühmte Moschee. Der prachtvolle Turm ist das höchste Lehmbauwerk Afrikas. Er misst 27 Meter. Früh und besonders abends erstrahlt er in feinem, orangenem Sonnenlicht. Schön isser! Agadez ist die "Tuareg-Hauptstadt". Hier, am Schnittpunkt der uralten Karawanenwege, leben Tuareg, hauptsächlich vom Stamm "Kel Aïr", zusammen mit Haussa und Tubu, Fulbe Bororo und ein paar wenigen Arabern.
    Uns ist es zu heiß! Jede Bewegung ist schweißtreibend, Mattheit macht sich breit, das Betteln nervt. Fast ständig ist man umzingelt von laut Geschenke fordernden Kindern: "Cadeau! Cadeau, Madame!"

    Agadez hat mehrere Märkte: einen sog. schwarzafrikanischen Gemischtwaren-Markt, den sich daran anschließenden Lebensmittelmarkt, den Kamelmarkt und den sog. Tuareg-Markt, wo es zwar keine Tuareg, aber dafür deren Produkte zu kaufen gibt.
    Wir sind auf dem schwarzafrikanischen Markt und sondieren erstmal die Lage: Was gibt es so und was kostet es? In den engen Gäßchen des großen Areals gibt es fast alles, was im Land produziert oder importiert wird: Klamotten, Stoffe, Schuhe, Haushaltwaren, Kosmetika und Schmuck. Schneider und Schuster haben ihre Werkstätten gleich nebenan. Es gibt viel zu sehen und zu bestaunen. Für ausgiebige Verkaufsverhandlungen fehlt uns heute die Ruhe, und so verschieben wir den Erwerb von zwei Schechs, etwas Weihrauch und evtl. Mitbringseln auf morgen.

    Nachmittags halten wir Siesta auf der Dachterasse. Danach geht es zur Besichtigung einer der berühmten Silberschmieden von Agadez. Wie groß war mein Erstaunen, als ich erfuhr, zu welcher Schmiedefamilie wir unterwegs waren: Koumama! Nach einer überaus freundlichen Begrüßung werden uns die verschiedenen Arbeitsschritte bei der Schmuckherstellung gezeigt. Wir bleiben zwei Stunden. Wer will, kauft ein. Ich bin von der Fülle überwältigt und verschiebe auch diesen Einkauf auf einen späteren Besuch nach der Aïr-Reise.

    Eine gute Nachricht erreicht uns heute: Jürgens Gepäck ist in Niamey angekommen und soll morgen irgendwie nach Agadez gebracht werden!
    Abendessen auf der Terasse (Couscous vegetarisch und kühles "Niger"). Spätabends kommt noch Balal mit seiner Frau vorbei, sie wollen in die Disco! Sie laden uns für morgen mittag zum Essen ein.

    5. Tag
    An diesem Tag steht unser erster Projektbesuch auf dem Programm: Wir treffen uns mit Saada, diplomierte Krankenschwester und unsere PARMED-Verbindungsfrau zum Central Hospital, und machen einen zweistündigen Rundgang durch das Gelände des Krankenhauses.

    Zum Mittagessen sind wir bei Balal. Es gibt leckeres Tuggela (diesmal aus Grieß), eingebröckelt in Fleisch-/Gemüsesoße. Im Innenhof steht das Zelt seiner Großmutter. Sie weigert sich, im Haus zu wohnen und zieht ihre traditionelle Unterkunft vor (leider von hohen Lehmmauern umzingelt).

    Am Nachmittag wäre eigentlich die Audienz bei seiner Majestät, dem Sultan, angesagt gewesen. Aber er ist krank. Das ist wirklich Pech, auf diesen Besuch war ich wirklich gespannt und außerdem wäre ein Gruppenbild mit Sultan "das Ding" gewesen. Schade, schade, vielleicht klappt es ja noch nach unserer Rundreise.
    So können wir den Sultanspalast nur von außen besichtigen. Na ja, eigentlich sehen wir nur die Außenfront eines ziemlich großen, mehrstöckigen Gebäudes mit blauen Fensterläden. Ein junger Mann mit Jogging-Anzug kommt zu uns. Es ist Ibrahim, der älteste Sohn des Sultans, designierter Nachfolger in der Erblinie des Sultanats. Ibrahim ist aufgeschlossen und sehr höflich, erkundigt sich nach dem Stand der Projekte von PARMED und wünscht uns noch einen schönen Aufenthalt in Agadez und im Aïr. Bekleidungsmäßig entspricht er ja nicht unseren Vorstellungen von Würde und Tradition seines zukünftigen Amtes. Aber so ist es eben, die Moderne hält auch vor Agadez nicht an: westliche (Sport-)Kleidung ist chic und seit einiger Zeit nicht mehr aus dem Stadtbild wegzudenken. Sie wird genauso zum unentbehrlichen Statussymbol wie der Kühlschrank, der Fernseher, das Auto. Kommt mir irgendwoher bekannt vor ...

    Die Erlaubnis zur Besichtigung der Moschee und zur Besteigung des Minaretts haben wir erhalten. Doch wo steckt der Aufseher? Da er nirgendwo aufzutreiben ist, müssen wir auch das auf später verschieben. Die Moschee steht ja nun schon über 500 Jahre da, da wird sie doch nicht ausgerechnet jetzt von einem Jahrhundertregen weggespült werden - hoffen wir.

    Am frühen Abend gehen wir noch einmal zur Silberschmiede "Koumama Bijoutie", der kollektive Kaufrausch geht weiter. Diesmal werde auch ich schwach, gut, dass ich mir vor der Reise ein Limit gesetzt habe! Helmut, unser Zahnarzt, hat auf Anfrage der Schmiede seinen "Besteckkasten" dabei, denn die ihnen nachgesagten guten Beziehungen zu allerlei Geistern schützen auch Schmiede nicht vor üblen Zahnschmerzen.

    Jürgens Gepäck ist wirklich angekommen, gerade noch rechtzeitig vor Beginn unserer Tour - al hamdu li'llah! Abendessen auf der Terasse mit Couscous und einigen Bierchen. Morgen geht's los!

    6. Tag
    Heute geht sie also los, unsere 9-tägige Tour durchs Aïr. Da die Abfahrt erst für 10 Uhr geplant ist, bleibt noch genügend Zeit, den Kamelmarkt zu besuchen.

    Pünktlich 10 Uhr sind wir wieder im Hotel, gepackt ist ja längst schon alles, es könnte sofort losgehen. Aber wie erwartet ist es noch lange nicht soweit ...
    Dann treffen die Jeeps und ihre Fahrer ein. Wir verteilen uns irgendwie auf dieWagen: Gabi und ich entscheiden uns für den sandgeschliffenen, mattschwarzen Jeep. Unser Fahrer heißt Sumana. Mit bei uns fährt Edeber, der Mechanikus. Er und unser Koch Kader sind dicke Freunde, wenn irgend möglich, glucken sie zusammen.
    Fehlt nur noch, die Nummer 5 bei uns im Wagen vorzustellen: Wolfram, unser absoluter Touristendurchschnittsalter-Drücker! Wolfram hofft auf ein paar steile Dünen, die er mit seinem mitgeschleppten Snowboard runterbrettern kann. Wir anderen hoffen auf ein paar spektakuläre Stunts & schöne Fotos.

    Wir starten gg. 12.30h. Die ersten Kilometer führen uns raus aus dem Staub von Agadez, rein in den Staub der Hochebene. Das Wetter ist diesig und das Aïr sieht - von hier zumindest - ziemlich bröckelig aus.
    Wir halten an einer kleinen Specksteinmine, wo vier junge Burschen aus einem ca. 5 Meter tiefen Loch mit Seitengängen den weißen Speckstein heraufholen. Oben wird er dann gleich zu Aschenbechern verarbeitet.
    Wir rasten in einem breiten, flachen Kori (Wadi), wo in den Bäumen am Ufer kleine rote Vögel umherhüpfen. Scheißt mir doch einer auf den Kopf! Beim Essen!
    Wir übernachten auch in einem solchen Kori, obwohl wir Touris nicht so recht wollen. Schließlich haben wir die angeblich höhere Wahrscheinlichkeit des Ertrinkens in der Wüste vor dem Verdursten verinnerlicht. Aber wir haben großes Glück: in dieser Nacht kommt keine Flutwelle durch das Kori gerast, uns alle mit sich reißend...


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    3. Etappe: Aïr und Ténéré: "Wind, Sand und Sterne"

    7. Tag: El Mecki
    Früh nach dem Aufstehen hatten wir sie noch nicht, doch irgendwann beim oder nach dem Frühstück müssen wir sie uns geholt haben: Flöhe (Sandflöhe?). Fünf von uns (mich eingeschlossen) klagen über schmerzhafte Stiche, die im Laufe des Tages mehr und mehr werden.

    Wir erreichen die Oase El Mecki. Der neue Brunnen wird mit einem Schwungrad betrieben. Dieses deutsche Entwicklungsprojekt leistet mit einfacher Mechanik große Hilfe für die Oasenbewohner.
    Von El Mecki selber sehen wir eigentlich nur ein paar halbverfallene Häuser, ein eingesandetes LKW-Chassis und jede Menge Müll. Ist El Mecki nun ein kleines Drecknest oder habe ich die schönen Seiten nicht gesehen?

    Wieder Übernachtung in einem Kori. Heute abend stelle auch ich mal ein Zelt auf, um die Flohstiche genauer zu untersuchen. Es ist verheerend. Fest steht: der Floh (oder sind es gar mehrere?) muss weg, und zwar schleunigst!

    8. Tag: Timia
    Just am heutigen Vormittag erreichen wir die Kaskade von Timia. Im Schutz der hohen Uferböschung gehen wir alle baden, in Klamotten und hoffentlich mit Floh! Alle in Fage kommenden, also eventuell flohverseuchten Klamotten nehmen wir mit. Und ich könnte es schwören, ich hab' den Floh kreischen hören! Er hat gewinselt und um Mitleid gebettelt - keine Chance, ich habe ihn ersäuft! Danach war er jedenfalls weg, und auch bei den anderen hat diese "Kur" gewirkt.
    Inzwischen haben einige Händler ihr Warenangebot unaufdringlich ein Stück abseits der Wagen ausgebreitet. Wir schlendern ein bißchen herum und ich erstehe eine Kette für mich (schwarzer Speckstein am Lederband) und ein kleines Döschen für meine lieben Blumen-gieß-und-Post-hol-Nachbarn.

    Weiter gehts nach Timia, einer sehr schönen, gepflegten Oase. Am Ortsrand machen wir Mittagsrast. Sofort kommt ein fliegender Händler mit eisgekühlter Coca-Cola. Wir sind sein Geschäft des Tages oder vielleicht sogar der Woche, denn allzuviel Tourismus gibt es ja nicht im Niger. Total überteuert, aber unwiderstehlich ist es, das himmlische Getränk!
    Ein Stück weiter haben sich die Souvenierverkäufer in einem großen Kreis niedergelassen. So einzukaufen, ist für uns sehr angenehm: Man geht sozusagen in den Supermarkt, und hat man keine Lust oder kein Geld mehr, geht man einfach wieder raus.
    Die in der Kaskade gewaschenen Sachen werden während der zwei Stunden Pause über ein paar Akazienbüsche gelegt. Selbst Jeans werden in dieser kurzen Zeit richtig trocken.

    Weiter gehts nach Assodé, ehemalige Haupstadt und Handelszentrum des Aïr bis ins 17. Jahrhundert. Heute zeugt nichts mehr von vergangenem Ruhm und Glanz. Nur noch wenige verfallene Lehmmauern gibt es zu besichtigen, kaum auszumachen im rotbraunen Boden der Hochebene.
    Unser heutiger Lagerplatz ist überaus steinig und wird von Gabi und mir "Ameisenhügel" getauft - allerdings nicht wegen seiner Form!

    9. Tag: Iferouâne, Tezirssek, Tchoum Adegdeg
    Am frühen Vormittag erreichen wir Iferouâne. Hier ist ein zweites Projekt von PARMED zu Hause, obwohl es das Projekt selber (noch) nicht zu besichtigen gibt: Das Dispensaire (Sanitätsstation) soll endlich einen Krankentransporter bekommen. Das Dispensaire selber besteht aus 2 Lehmhäusern. Hier arbeitet ein Arzt, zusammen mit zwei Helfern. Der tagelange, schwierige Transport von Verletzten und Kranken auf Kamelen oder Eseln bis zum richtigen Krankenhaus in Arlit hat schon oft seinen Tribut gefordert. Nun soll ein geländegängiges, zum Krankentransport geeignetes Fahrzeug Abhilfe schaffen. Und das ist ein Projekt von PARMED.

    Sumana, Edeber und unser Koch Kader nehmen Gabi und mich mit zum Einkaufen. Wir wollen irgendwo etwas frisches Gemüse auftreiben. Wir fahren in einen Garten am Rand der Oase, dort soll es Tomaten geben. Wir sehen spärlich bewachsene Felder, die mühsam mit dem nötigen Wasser versorgt werden. Das ist die Aufgabe von Mohamed, einem ca. 12-jährigen Jungen, der - statt zur Schule zu gehen - tagein, tagaus das Brunnenkamel führen muss: vor - wenden - zurück, vor - wenden - zurück, ... Das Brunnenkamel muss für diese Arbeit extra ausgebildet werden und ist dementsprechend teuer. Mohamed legt an einem 9-stündigen Arbeitstag etliche Kilometer mit "seinem" Kamel zurück.
    Ein Bruder von ihm ist ständig unterwegs, um die vielen Kanäle zu öffnen und zu schließen. Durch diese Kanäle wird eine vorher festgelegte Menge Wasser zu den Feldern geleitet.
    Die Ausbeute unseres Tomatenkaufs: ein paar kleine, harte, grüne Tomaten. Unser Koch war trotzdem froh und guter Dinge - es hätte ja auch gar nichts geben können ...

    Am Ortsausgang die letzte große Militärstation. Hier müssen wir nochmal Genehmigungen zur Weiterfahrt einholen und werden mit allen Passdaten ins große Buch eingetragen. Weiter gehts Richtung Norden, wir verlassen die Hauptpiste nach 25 km und biegen ab nach Osten in Richtung Brunnen Tezirssek. Wir fahren am nördlichen Rand des Adrar Tamgak. Am Brunnen füllen wir unser Wasser auf. Er ist einer der bedeutendsten Brunnen im Aïr: Um ihn fand eine große Schlacht zwischen Tuareg-Rebellen und nigrischem Militär statt.

    Wir fahren weiter zum nächsten Brunnen: Tchoum Adegdeg. Dort verschwinden Sumana und Edeber für ca. 15 Minuten, die anderen Jeeps fahren derweilen voraus. Wolf, Gabi und ich hoffen auf frischen Ziegenkäse, weil in der Nähe eine große Ziegenherde weidet. Aber stattdesse bringen die zwei Frischfleisch, ein äußerst lebendiger und nicht mehr ganz kleiner Ziegenbock. Und der muss mit! Wolf sitzt (Gott sei Dank) vorne, den Walkman voll aufgedreht - er wird vom Fleisch keinen Bissen essen! Da der Kofferraum voll ist mit Gepäck, Kanistern und Kram, kommt der Bock nach hinten zwischen die beiden Sitzbänke. Die folgenden 50 Minuten Fahrt waren schrecklich! Endlich kommen wir zum Lagerplatz, wo die anderen schon eine ganze Weile auf uns warten. Der Bock wird wenig später geschlachtet. Da es bereits dunkel ist, können wir nur glauben, was die anderen uns versichern: Wir sind im Adrar Chiriet.

    10. Tag: Adrar Chiriet und Kogo
    Am Vormittag machen wir eine Wanderung im Vulkanmassiv des Adrar Chiriet. Es ist zwar schön, aber es reisst mich nicht vom Hocker ...
    Zu Mittag sind wir in den Dünen. Wolf nutzt die Gunst der Stunde: sein erstes "Sandboarden" findet vor unser aller Augen statt. Doch vorher kommt der Aufstieg in der glühenden Mittagshitze. Wir Zuschauer erklimmen einen kleinen Hügel in der Nähe zur besseren Sicht und sind schon schweißgebadet. Leider leistet der Sand dem Brett doch entschieden mehr Widerstand als Schnee: die Reibung ist so stark, dass Wolf kaum in Fahrt kommt und aufpassen muss, nicht steckenzubleiben. Schade! Vielleicht war die Düne nicht steil genug und es klappt an einer anderen Stelle besser.

    Auch heute finden wir wieder Artefakte in Form von Tonscherben. Wir fahren den ganzen Nachmittag an schönen Dünenzügen vorbei. Als wir dann am Nachtplatz in der Nähe von Kogo ankommen, gibt es lautstarke Proteste: Es ist wieder mal eine brettelflache, steinige Ebene. Und das bei diesen Dünen ringsherum! Meuterei bahnt sich an, die als sog. "Dünenstreik" in die Annalen der Reise einging. "Wir wollen Dünen! Wir wollen Dünen!" skandiert die eine Hälfte der Gruppe, die andere guckt ziemlich ratlos umeinander, ihnen ist es anscheinend egal, wo und wie sie nächtigen. Und stehen Zelte (Gabi und ich sind die einzigen "Ohne-Schläfer") nicht sowieso viel besser auf harten, ebenen Böden als auf windigem Sand? Es sind schließlich trotzdem 7 von 12 Leuten, die einen Schlafplatz in den Dünen einfordern, und so fahren wir tatsächlich nochmal los.
    Ca. 10 Minuten weiter gibt es einen wunderschönen Lagerplatz, der zumindest auf drei Seiten von Dünen umgeben ist. Es gibt für mich nicht viel auf der Welt, was schöner ist als ein Schlafplatz inmitten von Dünen, ein kleines Feuer, süßer Tee und die Pracht der Sterne über uns.
    Und was könnte einen solchen Lagerplatz perfekt machen? Tugella! Endlich Tugella, weil es endlich den zum Backen nötigen Sand gibt. Allerdings, so einen Riesenbrocken habe ich noch nie gesehen, aber er muss ja auch für 18 hungrige Mäuler reichen.
    Rundherum zufrieden geht es ab in die Sandkuhle!

    11. Tag: Arakaou, Ténéré
    Heute geht es über einige beachtliche Dünenfelder Richtung Ténéré. Unsere vier Jeeps sanden ca. 20-mal ein. Da wir im letzten Wagen fahren, kann Sumana die oft glücklosen Versuche unserer Vorfahrer verfolgen und einen anderen, meist besseren Weg wählen. Wir brauchen die Sandbleche jedenfalls wesentlich weniger häufig als die anderen. Wir schließen wagenintern Wetten ab, welcher Wagen wie oft steckenbleibt. Man glaubt es kaum, aber das hat einen hohen Unterhaltungswert! Natürlich wünscht keiner den anderen eine Sandpanne, aber wenn am eigenen Wettziel nur noch ein- oder zweimal freischaufeln fehlt ...

    Zur Mittagspause sind wir im Arakaou, der sog. Krabbenschere. Wenn man drin ist, sieht man es eigentlich nicht, aber auf Satellitenfotos ist es gut zu erkennen: ein kreisrunder Vulkankrater, dessen Rand an der Ostseite aufgebrochen ist. So scheinen es zwei große Krabbenscheren zu sein, zwischen die sich eine riesige Sanddüne schiebt.

    12. - 13. Tag: Ténéré
    Wir finden jede Menge wagenradgroße alte Reibeschalen, meistens zerbrochen. Zwei wuchtet Sumana in sein Auto, wer weiß, wozu er die gebrauchen kann...
    Wir fahren über brettelflaches Land, rechts schiebt sich ein felsiger Hügel ins Bild. Auf einmal machen die Wagen vor uns einer nach dem anderen eine Vollbremsung. Balal schreit irgendetwas und alle springen aus den Autos und rennen zum Felsen. Ein Fennek wurde gesichtet... Nach einigen Minuten sprintet er direkt an mir vorbei und sucht das Weite. Zu einem Foto hat es aber dennoch gereicht.

    Und dann sehen wir sie: die erste Salzkarawane! Sie kommt aus Bilma und bringt das ersehnte Salz nach Agadez. Ein Teil vom Salz wird dort verkauft, der Rest geht auf die weite Reise weiter nach Süden.
    Es ist ein imposanter Anblick, wenn sich hunderte von Kamelen aus dem Dunst des Horizontes schälen. Eine formlose Masse zuerst, die sich beim Näherkommen in mehrere Karawanenzüge aufteilt. Bald kann man auch schon einzelne Tiere und ihre Führer erkennen. Hoch aufgeladen ist die Last, bis zu 140 kg schwer.
    Wir halten in ihrer Nähe. Die Karawanenleute kommen uns entgegen, sie sind gespannt auf Neuigkeiten aus Agadez. Sie sind alle sehr dünn und die Strapazen der Reise sind in ihre Gesichter geschrieben. Aber nun sind es nur mehr 7 Tage bis Agadez, diesen "Klacks" werden sie auch noch schaffen. Mit guten Wünschen und mit ein paar Zigaretten in der Tasche ziehen sie weiter.

    Wir kommen zum Abré du Ténéré. Was soll man da sagen, ein trostloser und verdreckter Platz. Wenigstens der Brunnen hat Wasser und die zwei kleinen Bäumchen gedeihen einigermaßen. Jeder der vorbeikommt, zieht 2-3 Ladungen Wasser für sie herauf. Ob sie jemals so kräftig werden wie ihr berühmter Vorfahr? Wir hoffen es!

    Im Verlauf diesen und des nächsten Tages treffen wir noch insgesamt 5 Karawanen. Die meisten kommen aus Bilma, eine ist auf dem Weg dahin. Sie führt noch jede Menge Futter für die Kamele mit, das sie auf der Strecke zwischen Agadez und Fachi deponieren wird. Dieses Futter wird von keiner anderen Karawane angerührt. Es sichert das Überleben der Tiere und damit auch der Menschen auf dem beschwerlichen Rückweg.

    14. Tag: Teghazer - Brunnenprojekt
    Heute steht eine weitere Besichtigung an: das - von Seiten PARMEDs bereits abgeschlossene - Projekt zur Bewässerung in Teghazer. Teghazer liegt ca. 15 km nordöstlich von Agadez. Dort haben sich vor Jahren vertriebene Tuaregfamilien wieder angesiedelt. PARMED und die schweizer Gruppe "Pro Touareg" halfen ihnen mit Geld und Knowhow, Brunnen zu bauen und diese mit Arbeitstieren zu betreiben. Die Brunnen wurden von einheimischen Fachkräften unter Mithilfe der Familien gebaut. Nun sieht es in Teghazer wieder grün aus, das Gemüse auf den Feldern gedeiht, einige Bäume spenden Schatten. Die Leute aus Teghazer sind glücklich. Ihre Arbeit ist hart und oft von Rückschlägen gezeichnet. Aber sie haben wieder Hoffnung auf ein geregeltes Einkommen und damit auf ein besseres Leben. Aman Iman - Wasser ist Leben!

    In der Ferne taucht der Moscheeturm von Agadez auf. Wenige Minuten noch und wir sind wieder mitten drin im Gewimmel.


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    4. Etappe: Agadez: "Vote! Vote!"

    Die ganze Stadt ist ein einziges Fahnen- und Transparente-Meer. Überall Plakate und mehrere Tribünen: es herrscht Wahlkampf! Nächste Woche wird ein neues Parlament gewählt.
    Wir beziehen wieder das "Tchin Toulouse" und warten auf die Rückkehr des Wassers. Eine Dusche wäre jetzt nicht unrecht, aber wir müssen uns gedulden.

    Der Sultan ist wieder gesund, weilt aber in Zinder. Pech gehabt. Wir finden nicht weit vom Hotel einen kleinen Laden mit gefrorenem Joghurt. Natur oder mit Erdbeer- bzw. Bananengeschmack - köstlich!
    Am Abend gehen sie dann richtig los, die Wahlkampfparties: Extrem laute Musik Typ A von rechts, Musik vom Typ B von vorne und irgendwo links kämpft eine rauhe Stimme gegen Rückkopplungsgeräusche an. Das ganze geht bis 4 Uhr morgens, wobei die Musikkassetten untereinander getauscht werden und wir so das eine oder andere Stück so oft hören, das wir es (fast) mitsingen können.

    15. Tag
    Heute können wir nicht riskieren, mit den Autos in Agadez zu fahren. Weil das nigrische Militär schon wieder seit Monaten keinen Sold ausgezahlt bekommt, sind die Soldaten auf "Raubzug". Im Moment sind alle privaten geländegängigen Fahrzeuge nebst Inhalt das Ziel ihrer Begierde. Außerdem ist seit Tagen kein Tropfen Treibstoff in Agadez aufzutreiben. Vielleicht findet sich ja in dem einen oder anderen Wagen noch ein Rest? Also lassen wir die Autos im Innenhof stehen und gehen zu Fuß. Sicher ist sicher!

    Wir verbringen den Tag mit diversen Besuchen und einem Marktbummel. Zum Sonnenuntergang sind wir auf dem Moscheeturm: Ein phantastischer Blick über die Dächer von Agadez! Agadez liegt uns in leuchtendem Orangebraun zu Füßen, läßt Einblicke in Innenhöfe zu und zeigt uns seine doch sehr beachtlichen Ausmaße. Wir besichtigen das Innere der Moschee, lassen uns vom Vorsteher Einzelheiten erklären.
    Elhadji Koumama und seine Frau laden uns in ihr Haus ein. Es wird ein gemütlicher, lustiger Abend mit total leckerem Kartoffel-/Rote-Beete-/Zwiebel-Salat, Gemüsecouscous und gegrilltem Ziegenfleisch. Als Nachtisch saftige Orangen und Granatäpfel - ein Luxusmenü haben sie für uns gezaubert.

    Die letzte Nacht auf der Terasse vom "Tchin Toulouse", wie gestern Wahlkampfparolen und aufputschende Musik bis gg. 4 Uhr früh. Der Muezzin erlöst uns aus einem viel zu kurzen, unruhigen Dämmerschlaf. Wir sehen die Sonne über Agadez aufgehen und gegen den ewigen Staub ankämpfen, der die Stadt unter einem trüben Schleier verstecken will. Die Sachen sind gepackt, der Minibus wartet, ein letztes "Auf Wiedersehen!" und dann sind wir "on the road again" Richtung Niamey...

    Am 16. Tag Rückfahrt nach Niamey und noch in derselben Nacht (weil unser geplanter Flieger am nächsten Tag ausfällt) via Paris nach Deutschland.

    Fotos

    Einige Fotos dieser Reise sind in der Diashow zur Reise zu sehen.


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