Detailbeschreibung: Projekt Central Hospital Agadez

Am nächstenTag steht unser erster Projektbesuch auf dem Programm: Wir treffen uns mit Saada, diplomierte Krankenschwester und unsere PARMED-Verbindungsfrau zum Central Hospital, und machen einen zweistündigen Rundgang durch das Gelände des Krankenhauses.

Das Krankenhaus besteht aus mehreren einzeln stehenden, einstöckigen Lehmbaracken. Die Krankenzimmer sind nur mit Eisenbetten ausgestattet. Dass die darauf liegenden Matratzen seit ein paar Monaten waschbare Überzüge haben, ist das Ergebnis einer PARMED-Aktion. Nun müssen Neugeborene, Frischoperierte und alle anderen Kranken nicht mehr im getrockneten Blut und (Wund-)Ausscheidungen ihrer jeweiligen Vorgänger liegen.
Ansonsten sieht es wirklich trostlos aus: die staatlich zugeteilten Medikamente reichen nur wenige Monate im Jahr, die Ausrüstung an medizinischen Geräten ist unzureichend und völlig veraltet, es fehlt an Verbands- und Wunddesinfektionsmitteln. Die wenigen Ärzte und Krankenschwestern stehen oft mit bloßen Händen da. Da kann sich schnell Resignation breitmachen.
Im Niger kommt ein Arzt auf 50.000, ein Apotheker sogar auf 600.000 Einwohner.

Überall stehen und sitzen Familienangehörige: am und neben den Betten, in den Gängen und draußen vor den Baracken. Sie versorgen ihre kranken Angehörigen mit Essen und sprechen ihnen Mut zu.

Der HNO-Arzt ist ein Kubaner. In seiner Praxis hat die Hälfte von uns gerade so Platz. Die Patientin sieht sich etwas unsicher um, obwohl von Privatsphäre angesichts der Sperrholztür zwischen Behandlungszimmer und Warteschlauch auch so keine Rede sein kann, ist das doch wohl ein bisschen viel Öffentlichkeit.
In der Chirurgie nur leere Betten! Was ist los? Aha, heute ist Desinfektionstag: Alle Kranken werden auf den Hof gebracht und dort im Schatten der vereinzelten Bäume abgelegt. Die Zimmer und das darin enthaltene Mobilar (also die Betten) werden gründlichst gereinigt und desinfiziert.
Die Intensivstation erschreckt mich fürchterlich, auch ohne in einem der beiden Betten einen Schwerstkranken zu sehen. Ich gäbe sehr viel darum, nie dort landen zu müssen!

In der Entbindungsstation werden wir besonders herzlich willkommen geheißen. Wie auf Kommando startet gerade ein neuer Erdenbürger seinen mühsamen Weg ins Leben. Wir Frauen können einen Blick in den Kreiß"saal" werfen: die werdende Mutter liegt auf dem gefliesten Boden, nur ein Handtuch unterm Hintern, und entbindet. Das Neugeborene - ein Junge - wird von der Hebamme mit lautem Händeklatschen und Gesängen begrüßt. Alles ist gut gegangen - al hamdu li'llah. Das Wöchnerinnen-Zimmer ist das schönste im ganzen Krankenhaus: freundliche Farben, viele Fenster, die saubersten Matratzen und die schönsten Frauen, manche noch etwas mitgenommen, aber stolz und glücklich. Hier können auch wir unbeschwerte Blicke werfen - es ist ein Stück heile Welt.

Die Kinderstation ist wie immer überfüllt, aber nicht wegen der paar kleinen Patienten, die in den nüchternen Parzellen ihre Krankheiten auskurieren sollen, sondern wegen der Mütter und Tanten, Cousins und Cousinen, Omas und die Nachbarinnen nicht zu vergessen - alle wollen sich davon überzeuen, dass es ihren kleinen Schätzchens auch wirklich besser geht. Außerdem muss gekocht und das neueste aus der Stadt erzählt werden.
Die meisten Kinder leiden unter Mangelerscheinungen. Vitamine und Kalzium fehlen am häufigsten. Viele haben Asthma, Keuchhusten oder andere Atemwegserkrankungen. Zu den häufigsten Krankheiten zählen auch Cholera, Gelbfieber, Typhus, Masern und Meningitis (z.B starben 1995 2500 Menschen im Niger während einer Meningitis-Epidemie). In letzter Zeit ist leider auch Aids auf dem Vormarsch. Wie immer trifft es vor allem die Schwächsten zuerst, also die Kinder.
Schlimm wird es hier im Frühjahr, wenn die Malaria Hochsaison hat. Vor allem Kinder und ältere Menschen sind gefährdet. Hunderte Malariakranke drängen sich dann in den kleinen Baracken, und Medikamente sind nicht ausreichend vorhanden.

Wir besuchen den Physiotherapeuten und das Labor, wo wir uns u.a. nach Aids-Tests erkundigen. Der Augenarzt fragt an, ob PARMED gebrauchte Brillen in Deutschland sammeln und nach Agadez schicken könnte. Brillen können nur in Niamey gefertigt werden und sind sehr teuer. Wer von Euch Brillen abgeben kann oder eine solche Quelle kennt: Bitte e-mailen!

Nicht besichtigen konnten wir das abgeschlossene(!) Zimmer der zahnmedizinischen Abteilung. Der einzige Zahnarzt hat gerade Jahresurlaub und ist einige hundert Kilometer weit weg. Gut, dass wir unseren eigenen Zahnarzt dabei haben!


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